Johannes Klier
Werkanalyse und Interpretation auf der Gitarre

Musikpädagogische Bibliothek, Heinrichshofen’s Verlag, Wilhelmshaven 1985

 

Rezensionen

Ein Werk für angehende Gitarristen und für alle, die bei der Rezeption und Interpretation von Gitarrenmusik zu einem selbständigen Urteil gelangen, über den Rand des Notenblattes hinausschauen wollen. Klier, gleichermaßen musikpädagogisch wie philologisch geschult, gibt Auskunft über Probleme der Notation, der Analysemethoden, der Phrasierung und Artikulation, des musikalischen Zeitgeistes sowie der historischen Aufführungspraxis. Und er stellt sich auch der wichtigen Frage: Wie lassen sich die gewonnenen Erkenntnisse in die Spielpraxis umsetzen? Der Autor führt zwar nicht alle seine Gedankengänge konsequent aus, funktionalisiert zwar nicht alle von ihm beigebrachten Materialien, aber dieser „Mangel" gereicht der Lektüre zum Vorteil. Denn auf knappem Raum erhält der Leser eine Fülle von Anregungen und Fingerzeigen, die weder Langeweile aufkommen lassen noch durch ihre Masse erschlagend wirken.

Neue Zeitschrift für Musik, Januar 1988, Mainz
 

Ein Weg zur systematischen und objektiven Analyse eines Musikstücks und der sich daraus ergebenden Interpretation auf der Gitarre. Der erste Teil dieses Buches enthält ein Analysemodell, das auf den Grundlagen des Strukturalismus basiert. Beispiele aus der Gitarrenliteratur aller Epochen verdeutlichen seine Anwendung. Thema des zweiten Teils ist die Umsetzung der in der Analyse gewonnenen Erkenntnisse in ihrer sinnvollen Interpretation auf der Gitarre. Im Zusammenhang von Analyse — Spieltechnik — Interpretation wird ausführlich eingegangen auf Probleme des Fingersatzes, der Artikulation und Phrasierung, des Zeitmaßes und auf die Aufführungspraxis Alter Musik. […] Die Publikation erweitert den häufig sehr engen Gesichtskreis und ermöglicht den Zugang zu musikalischen Werken, seinen textuellen und extratextuellen Bezügen und Gesetzen. Der oft vernachlässigte, aber für jeden Musiker zwingend notwendige Zusammenhang von Werkanalyse — Spieltechnik — Interpretation wird überzeugend dargestellt. Für Gitarristen eine unentbehrliche Veröffentlichung.

Zeitschrift für Musikpädagogik, Regensburg, März 1986
 

Johannes Klier, Dozent für Gitarre an der Hochschule für Musik in München, ist als Herausgeber von Gitarrenmusik und als Autor eines Buches zur Geschichte der Gitarre in der Fachwelt bereits bekannt. Da der Bedarf an Fachliteratur für Gitarristen immer noch bedeutend ist. stellt Jede publizierte Arbeit eine wünschenswerte Bereicherung des ungenügenden Sachbuchangebotes dar. Zum Problem der Werkanalyse und Interpretation von Gitarrenmusik ist auch meines Wissens noch keine monographische Studie veröffentlicht worden. Analysen haben sich immer nur mit einzelnen Werken der Gitarrenliteratur beschäftigt, oder waren eingebettet in größere, meist historische Darstellungen. Für Klier stellt sich das zentrale Problem der Gitarristik darin, daß Schüler. Studenten wie auch Gitarrenlehrer und Interpreten nicht in der Lage seien, die von ihnen gespielten Werke analytisch zu begreifen und geistig zu durchdringen. Wird die Spieltechnik nicht an den formalen Strukturen eines Werken orientiert, entsteht „im Grunde eine willkürliche und sinnlose Interpretation“. Damit hat Klier seine Aufgabe umrissen: Er möchte den Zusammenhang zwischen Werkanalyse, Spieltechnik und Interpretation erhellen.

Das Buch gliedert sich nach einer ausführlichen Einleitung, in welcher der Verfasser kurz auf die heutige Situation der Gitarre eingeht und die Musik als strukturales System und als Kommunikationsmittel umschreibt, in zwei große Abschnitte, die mit „Kompetenz“ und mit „Performanz“ überschrieben sind. Unter Kompetenz versteht der Verfasser „das Vermögen von Sendern und Empfängern, sich in einer Kommunikationssituation verständlich zu artikulieren bzw. das Artikulierte zu verstehen“, und unter Performanz ist der „tatsächliche Gebrauch“ zu verstehen, „den Sender oder Empfänger in konkreten Situationen von ihrem Vermögen machen, sich in einer Kommunikationssituation zu artikulieren“.

Hinter diesen lexikalisch definierten Begriffen verbirgt sich im ersten Fall das eigentliche Analyseverfahren, das zunächst einmal deskriptiven Charakter aufweist. Der typographischen Analyse des Notenbildes wird eine pragmatische Analyse mit Zuordnungen historisch-musikalischer Situationen zur heutigen Musizierpraxis gegenübergestellt, der sich eine syntaktische Analyse anschließt, im Abschnitt über die semantische Analyse unternimmt der Verfasser einen Exkurs in die Welt der musikalisch-rhetorischen Figurenlehre des Barock.

Im zweiten Teil (Performanz) werden die praktischen Konsequenzen aus der Kompetenz-Analyse gezogen, d.h. Artikulation. Phrasierung und Zeitmaßgestaltung. Hier liegen nach meiner Auffassung die eigentlichen Schwerpunkte in der Interpretation von Gitarrenmusik […] Das Buch schließt mit einem Glossar der wichtigsten verwendeten Fachausdrücke und mit einer relativ kurzen Bibliographie.

Als Anhang könnte man sich eine Auflistung der in der Literatur verstreuten, komplett durchgeführten Analysebeispiele wünschen. Klier selber zitiert immer nur wenige Takte und verzichtet auf eine Komplettanalyse, exemplarisch dargestellt an irgendeinem gängigen Beispiel.

Kliers Versuch, die Analyse der Gitarrenmusik und ihre Folgerungen für die Interpretation an jenen Parametern zu messen, die in der allgemeinen Musiktheorie seit Generationen Standard sind, verdient uneingeschränkte Anerkennung. Die Problematik gerade seiner Darstellung liegt aber z. T. darin, daß von vielen Gitarristen ein geistiges Hintergrundwissen verlangt wird, das sie nicht nachweisen können. Doch ist der von Klier erhobene Anspruch kein Kriterium für den Nachweis der Zweckmäßigkeit oder gar Notwendigkeit dieses Buches; er zeigt nur die mögliche Diskrepanz zwischen den Absichten und der Kompetenz des Verfassers und dem Ausbildungs- und Wissensstand der potentiellen Benutzer. Für viele von ihnen wäre ein Handbuch, in welchem man nachschlagen könnte, wie man nun im Detail diesen Sonatensatz oder jene Fuge zu spielen habe, dienlicher. Sollte es Klier aber gelingen. mit wenigstens einigen Vorurteilen und Ungereimtheiten in der Interpretation von Gitarrenmusik aufzuräumen und bei den Gitarristen einen Denkprozess zu neuen Bewertungsmaßstäben zu initiieren, dann hätte die Veröffentlichung dieser Studie einen wichtigen Beitrag geleistet.

Üben und Musizieren, Mainz, Juni 1986 / Heft 3
 

Der Verfasser, Dozent an der Münchener Musikhochschule, sieht das zentrale Problem der Gitarristik darin, daß sowohl Gitarrenlehrer wie Interpreten meist nicht in der Lage seien, die von ihnen erarbeiteten Musikstücke analytisch zu begreifen und aus strukturellen Zusammenhängen heraus zu einer werkimmanenten Interpretation zu gelangen. So stellt sich für den Autor die Aufgabe, den Zusammenhang zwischen Werkanalyse einerseits und Spieltechnik und Interpretation andererseits zu erhellen. Dieses Ziel zu erreichen, wählt Klier ein deskriptives Analyseverfahren. mit dessen Hilfe er die seiner Ansicht nach aus dem 19. Jahrhundert stammenden Interpretationsgewohnheiten in der Darstellung von Gitarrenmusik überwinden möchte. Allerdings setzt Klier beim Leser, und diese sollen ja wiederum die Gitarristen sein. die Kenntnis des „komplexen Bezugssystems an musik- und kulturgeschichtlichen Entwicklungen der letzten 500 Jahre“ voraus – nach meiner langjährigen Erfahrung eine unrealistische Vorgabe.

Nach einer knappen Beschreibung der Situation der Gitarre heute, die in manchen Punkten durchaus ausführlicher hätte sein können, beschreibt Klier die Musik als strukturales System, das als Kommunikationsmittel ein Korrelat zur Sprache darstellt und in dem sich Systeme verschiedenster Strukturen miteinander verbinden. Die Punktion der in ihm angelegten und ineinandergreifenden Systeme (Harmonik, Melodik, Rhythmik) und Teilsysteme (Teile einer Sonate z. B.) ist das Leben des Kunstwerkes.“ So geht es Klier darum, von der Makrostruktur eines Werkes schrittweise in die Mikrostruktur vorzustoßen und ihre wechselseitige Abhängigkeit zu interpretieren. Dabei verkennt er nicht die Schwierigkeiten, die sich aus der Parallelität der Entwicklung mehrerer Strukturen auf verschiedenen Ebenen ergeben, deren innere Abhängigkeiten zu erkennen seien. Aus dieser Erkenntnis sollen sich sowohl Phrasierung wie auch Artikulation im Fingersatz niederschlagen und damit auch in der Interpretation auswirken.

Klier gliedert sein deskriptives Analyseverfahren in zwei große Bereiche: (A) Kompetenz und (B) Performanz. Im A-Teil steht der typographischen Analyse des Notentextes eine pragmatische, syntaktische und noch semantische Analyse gegenüber. Während in der typographischen Analyse nach Grob- und Feinstrukturen des Notentextes, nach Notationsart und ihrer zeitlichen Einordnung gefragt wird, stellt sich in der pragmatischen Analyse das Problem der Zuordnung historischmusikalischer Situationen zur heutigen Musizierpraxis. Hier sollen die sozio-kulturellen Bezüge in ihrer musikhistorischen Einbettung in eine Formenanalyse übergehen, um daraus die Intentionen des Komponisten abzuleiten. In der syntaktischen Analyse sollen sich die Gitarristen über die Elemente und Strukturen eines Werkes klar werden, „um es letztendlich in seiner Totalität erfassen zu können“. Dazu zählen Untersuchungen der Harmonik, Melodik und Rhythmik. In diesen Abschnitten wird Klier erstmals konkret und demonstriert an Notenbeispielen aus der Gitarrenmusik seine analytischen Vorstellungen.

Im Kapitel über die semantische Analyse unternimmt der Verfasser einen Ausflug in die Vorstellungswelt des Barock und seiner musikalisch-rhetorischen Figurenlehre, ein sehr komplexes Teilgebiet musiktheoretischen Denkens, das jedoch speziell in der Gitarrenmusik eher eine untergeordnete Rolle spielen dürfte. Der zweite Teil des Buches ist mit „Performanz“ überschrieben; mit diesem Begriff umschreibt Klier den „tatsächlichen Gebrauch, den Sender oder Empfänger in konkreten Situationen von ihrem Vermögen, sich in einer Kommunikationssituation verständlich zu artikulieren, machen“. Diese umständliche Definition erweist sich konkret als Abhandlung über Artikulation, Phrasierung und Zeitmaß. […]

Das Buch schließt mit einem Glossar und mit einer leider nur 15 Titel umfassenden Bibliographie. Zugegeben, der Versuch einer zusammenfassenden Darstellung der Werkanalyse und Interpretation auf der Gitarre ist schwierig und in der vorliegenden Form bislang auch noch nicht unternommen worden. Aber Klier beschreibt seitenlang, und diese Feststeilung sei nicht abwertend zu verstehen, Gemeinplätze musikalischer Analyse, wie sie für jedes beliebige Musikinstrument mit einer einigermaßen gültigen und gehaltvollen Literatur in absolut identischer Weise zutreffen. So liegt hier denn auch ein Vorteil dieses Buches: Die Gitarrenmusik wird in den analytischen Bezugsrahmen hineingestellt, der Werken für Klavier, Violine oder Gesang etc. schon seit Generationen zugewiesen wird.

Und hier liegt auch die Problematik dieses Buches. In gewisser Weise vollzieht Klier den zweiten Schritt vor dem ersten, ein Sprung ins kalte Wasser sozusagen, denn ich wage zu bezweifeln, daß dieses durch und durch gescheit geschriebene Buch bei der Mehrzahl der Anhänger des Gitarrenspiels den ihm angemessenen Widerhall finden wird. Für sehr viele Betroffene wird bereits der geistige Einstieg zur ersten Hürde, denn die von Klier a priori postulierte Kenntnis der sozio-kulturellen wie musikhistorischen Zusammenhänge wird man nur selten antreffen. Dazu kommt die intensive Auseinandersetzung mit der Materie selbst, die zu verfolgen dem Fach- wie Sachkundigen volle Konzentration und Aufmerksamkeit abverlangt. Wer hier mitzuhalten vermag (und diese Aufforderung geht an die Adresse jener Gitarristen in unserer Szene, auf die es letztendlich auch ankommt), bei dem wird Klier eine Fülle von Anregungen initiieren und möglicherweise eine grundlegende Wandlung in der Beurteilung manch anfechtbarer Qualitäten bewirken.

Musica, Kassel, 4/1986