Rezensionen

Gitarrenmusik in Reinkultur

[…] Kliers Interpretationsphilosophie, das wurde gleich zu Beginn bei Denis Gaultiers Pavane und Courante deutlich, setzt nicht auf spektakuläres Virtuosentum, sondern – in gegenläufiger Tendenz – in einer Art sanfter Kompromißlosigkeit aus kontemplativer Grundhaltung heraus auf maßvolle Tempi, einen blühenden, gleichwohl transparenten Klang, auf sorgfältige dynamische Gewichtung von Haupt- und Nebenstimmen, durch die selbst polyphone Strukturen erfaßt werden (Bach: Suite BWV 995).

Von Miguel Llobet (1878-1938) und Joaquín Turina (1882-1949), zwei hervorragenden Vertretern der neueren spanischen Schule, interpretierte der Meister zwei für sie typische Kompositionen: von Llobet zwei Katalanische Volkslieder von schwermütigem, verhangenem Charakter und von Turina eine Fandanguillo: Spanische Gitarre in Reinkultur! Die starke Resonanz im Publikum steigerte sich noch nach den mit souveräner Technik dargebotenen drei Preludes von Heítor Villa-Lobos: Virtuosität, Trennschärfe von Melodie und Nebenstimmen im ersten, romantisch-impressionistischer Duktus im dritten, klaviersatz-ähnlich das fünfte, leise, nie auf Effekt bedacht. Eine hohe Schule für alle Gitarrenschüler. Einzig bei der Zugabe (dem 4. Prelude von Villa-Lobos) erlaubte sich Johannes Klier einen rauschenden, virtuosen Mittelteil: Pulsierender Drehpunkt eines sonst eher espressivo angelegten Preludes.

Kölner Stadtanzeiger vom 29.09.1989

 

Musik ohne stechende Klangform

Gitarrekonzert Johannes Kliers im Bamberger Kaisersaal

Johannes Klier hatte zunächst mit einer für einen Gitarrenvirtuosen unüblichen, sakrischen Kälte im Kaisersaal der Neuen Residenz Bamberg zu kämpfen. […]Nichts ist am Künstlertum des Interpreten auf dem sechssaitigen Zupfinstrument auszusetzen oder zu kritisieren. Es gab neben dem Spiel der Einzelnoten rasantes Akkordspiel. Große Fertigkeit lag in der Anwendung von Doppelgriffen und Läufen vor. Keine stechende Klangform trübte das Ohr […].

Die virtuose Eigenliteratur für das Zargeninstrument begann mit dem Franzosen Denis Gaultier. Eine majestätische Pavane „Circé“ eröffnete den Reigen, die Courante aus dem berühmten Lautenbuch „La Rhéthorique des Dieux“ (um 1652) entwickelte Klier in ihrer geschlossenen Form und festen Anlage sehr kantabel. Das Beispiel für eine frühe programmatische Musik erklang lyrisch und intim in seinem Charakter. Johann Sebastian Bachs Werk für Laute, die Suite g-Moll, BWV 995, eine Übertragung der 5. Cello-Solo-Suite, Nr. 1011, transponierte der Solist gitarrengerecht nach a-Moll. Sie erschien ziersam in ihrem Rokoko-Verschnitt. Eine sehr gute rhythmische Profilierung, phantasievolle Ausgestaltung der Einzelsätze als auch der Gesamtform geschah. Klier stellte die für die Tänze wesensbestimmende, symmetrische und klar konstruierte Struktur heraus. Ein herrlicher Klang, Kolorit und schöner ornamentaler Stil kam hinzu.

Moderne Musik des Kubaners Leo Brouwer (Jahrgang 1939) schloß sich an. Sein „La Espiral Eterna“ brachte Johannes Klier mit allen Knall-, Schleif- und Trommeleffekten. Die freien figurativen Zwischenspiele zeigten in ihrer Lockerheit und Weichheit, daß sich der Solist endlich warm spielen konnte.

Nach der Pause fünf Préludes des noch führenden Tonsetzers Brasiliens Heitor Villa-Lobos. Virtuoses Instrumentalspiel, eine große melodische Selbständigkeit setzte Johannes Klier ein, um die folkloristischen Momente, Stilelemente der Romantik, des Impressionismus und Neu-Klassizismus zum Wirken zu bringen. Es gelang ihm, diese stegreiflockeren Formen und süßen bis leidenschaftlichen Charakterstücke klanglich voll auszuschöpfen. Die Etüden Nr. 10, 11 und 12 desselben Komponisten überzeugten durch Ernst und Würde, Anmut und Heiterkeit. Das Improvisieren kompositorisch und spieltechnisch wieder aufleben zu lassen, setzte Johannes Klier phantasievoll und vital in jener Musik um.

Fränkischer Tag vom 14. Mai 1984